Von Georgsmarienhütte nach Kenia

FHH - Franziskus-Hospital Harderberg

Zusammen mit Experten aus den USA, Europa, der Golfregion und Afrika war Dr. Erik Allemeyer Teil der internationalen humanitären Hilfsaktion @campaign_52 in Kenia.

Hilfsprojekt für Frauen und Mädchen in Kenia – an der Spitze des Eisbergs

Das grüne Hochland Kenias ist vielen bekannt als Heimat einiger der erfolgreichsten Marothonläufer aller Zeiten (Eliud Kipchoge 02:01:09, Kelvin Kiptum 02:00:35). Sie stammen aus der Umgebung von Eldoret, der Hauptstadt des Uasin Gishu Countys. Hier existiert seit 15 Jahren eine Spezialklinik für Mädchen und Frauen mit Beckenbodenverletzungen, das Gynocare Women´s and Fistula Hospital. Es wurde gegründet und wird noch heute geleitet von dem Gynäkologen Dr. Hillary Mabeya.

Warum eine Spezialklinik für weibliche Beckenbodenverletzungen in Afrika?

Die hochspezialisierte Klinik von Dr. Mabeya ist nicht die einzige Einrichtung ihrer Art in Afrika, wenn auch die größte in Kenia. Das hat traurige Gründe: Ein großes Problem im Bereich der Beckenbodenerkrankungen stellen rektovaginale Fisteln dar, welche bei Frauen und Mädchen nach Geburten und auch als Folge von weiblicher Genitalverstümmelung sowie sexueller Misshandlung auftreten. Die Anzahl der Patientinnen mit rektovaginalen Fisteln ist erschreckend: 3000 neue Fälle kommen jedes Jahr zu einer Anzahl bisher unbehandelter Fälle von 300.000 hinzu. Allein das von Dr. Mabeya geleitete Gynocare Women´s and Fistula Hospital in Eldoret führt jährlich 6000 Fisteloperationen durch.

Fisteln sind nicht natürliche Öffnungen zwischen zwei Hohlorganen, z.B. zwischen Enddarm und Vagina (rektovaginale Fisteln) oder zwischen Harnwegen und Vagina oder Enddarm. Diese entstehen u.a. als Folge komplizierter Geburten, für die keine adäquate Versorgung durch Hebammen oder Ärzt*innen besteht. Viel zu häufig wird das Risiko einer vaginalen Entbindung trotz schwierigster Bedingungen wie ein enges Becken oder ein großes Kind eingegangen, anstatt eine Kaiserschnittentbindung anbieten zu können. Dann kommt es zu schwersten Verletzungen wie den rektovaginalen Fisteln oder auch analen Schliessmuskelschäden mit der Folge einer Stuhlinkontinenz bzw. Verletzungen der Harnwege mit Fisteln der Harnwege zur Vagina oder Enddarm oder auch zu Harninkontinenz.

Rektovaginale Fisteln verursachen einen Übertritt von Stuhl aus dem Enddarm in die Vagina und somit erhebliche Beeinträchtigungen mit hoher psychischer Belastung, hygienischen Probleme, Harnwegsinfektionen bis hin zur Blutvergiftung (Sepsis) und in besonderem Maße auch soziale Belastungen für die Frauen und Mädchen: Mit diesen Veränderungen ihres Körpers werden die Patientinnen von ihren Ehemännern verstoßen und aus ländlichen Gemeinschaften vollkommen ausgeschlossen und vertrieben. So kommt es häufig zu sozialer Isolation und Verelendung der Betroffenen. Gleiches gilt für Harnwegsfisteln mit ständigem Verlust von Urin über die Scheide oder über den After.

Besonders tragisch ist, dass die Verletzungen des Beckenbodens zudem bei sog. kindlichen Schwangerschaften entstehen. In erschreckender Anzahl werden junge Mädchen im Alter von 12 oder 13 Jahren vergewaltigt oder früh verheiratet. 40% aller Fisteln in Kenya, Somalia und Südsudan treten bei Mädchen unter 18 Jahren auf. Dabei ist besonders erschwerend, dass den Mädchen oft eine proteinreiche Ernährung vorenthalten wird, da diese nur den Jungen zur Verfügung gestellt wird. Die Mädchen werden ausschließlich mit einer Kohlenhydratkost – zumeist Getreide – aufgezogen. Dadurch leiden sie oftmals unter muskuloskelettalen Gewebeschwächen des Beckenbodens.

Wenn die Mädchen dann schwanger sind und die Entbindung naht, werden Unverheiratete in unbewohnte Gebiete vertrieben. In der Natur auf sich allein gestellt können sie aufgrund ihres engen Beckens das Kind nicht gebären, es kommt zu tagelangen qualvollen Wehen ohne jede Hilfe, der Fötus stirbt immer ab, die Patientinnen verlieren ihr Bewusstsein und der abgestorbene verfaulende Fötus bricht von der Gebärmutter bzw. der Vagina aus in den Enddarm und wird dann über den Anus ausgeschieden. Die Folge ist ein Loch (Fistel) zwischen Vagina und Enddarm. Dieses überleben nur wenige Mädchen und junge Frauen. Wenn sie überleben, sind sie weiterhin vertrieben und geächtet und können nicht auf Hilfe hoffen.

Hier nun ermöglicht die Fistelklinik von Dr. Mabeya die einzige Chance auf Rettung: Die Frauen und Mädchen erhalten in der Klinik eine umfassende Versorgung. Dieses beginnt zunächst bei einer allgemeinen gesundheitlichen Stabilisierung und psychosozialen Behandlung und Begleitung. Es werden dann die Konzepte für die infrage kommende operative Versorgung erarbeitet. Die Operationen sind aufwendig und anspruchsvoll und können nur von langjährig und umfassend erfahrenen Experten wie Dr. Mabeya durchgeführt werden.

Die häufig völlig mittellosen Patientinnen der Fistelklinik in Eldoret müssen oft lange und beschwerliche Wege auf sich nehmen, um die Klinik zu erreichen. Dabei werden auch Patientinnen aus den Nachbarländern Somalia, Äthiopien, Südsudan und Uganda versorgt. Insbesondere in diesen Ländern sind Beckenbodenverletzungen häufig Folgen männlicher Gewalt gegen Frauen, z.T. innerhalb kriegerischer Auseinandersetzungen. Nicht selten kommt es hierbei zu Vergewaltigungen, mitunter zu Massenvergewaltigungen.

Wie kommt die Verbindung zur Fistelklinik in Kenia zustande?

Ich leite eine hochspezialisierte Abteilung für Proktologie, Kontinenz- und Beckenbodenchirurgie am Franziskus-Hospital Harderberg. Hier führen wir die anspruchsvollen Operationen bei rektovaginalen Fisteln durch, allerdings kommen diese in Deutschland – überwiegend als Folge von Geburtsverletzungen - viel seltener vor als in Afrika. Deshalb hatte ich bereits vor 3 Jahren Kontakt aufgenommen zu Dr. Mabeya, um einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Zum dritten Mal hatte ich nun die Möglichkeit, gemeinsam mit Dr. Mabeya schwierige Operationen u.a. bei rektovaginalen Fisteln durchzuführen, davon zum zweiten Mal in seiner Klinik in Kenia, begleitet von einem intensiven fachlichen Erfahrungsaustausch.

Was war am aktuellen Besuch in Kenia besonders?

Der jetzige Besuch hatte dabei einen ganz besonderen Charakter und sollte wichtige Signale für die Versorgung der sehr belasteten Mädchen und Frauen in Afrika geben: Über 10 Tage wurde eine internationale humanitäre Hilfsaktion für die Betroffenen in Ostafrika durchgeführt, die sog. „Campaign 52“. Hierbei kamen besonders erfahrene Operateur*innen, Anästhesist*innen und Fachpflegekräfte für die Versorgung künstlicher Darmausgänge (Stoma, Stomatherapeutinnen) aus den USA, Europa, der Golfregion und Afrika zusammen und versorgten insgesamt 209 Patientinnen, z.T. mit komplexen Operationen. Die Herkunftsorte der Teilnehmer*innen lesen sich dabei sehr klangvoll, kamen doch ganz gezielt die auf dem Fachgebiet erfahrensten Fachleute zusammen: Los Angeles, Cleveland, Miami, London, Kopenhagen, Dubai und – last but not least mit mir selber Georgsmarienhütte…. !

Für mich war es eine große Ehre und sehr lehrreiche Erfahrung, mit den führenden Expertinnen und Experten aus vier Kontinenten zusammen zu arbeiten und hierbei auch wieder für mich selber viel zu lernen. In einem sehr sorgfältig vorbereiteten Programm konnten wir in 10 Tagen einer großen Anzahl von Patientinnen helfen, die andernfalls aufgrund sehr langer Wartezeiten und z.T. auch gänzlich fehlender Versorgung allein gelassen worden wären. Dabei wurde jeden Tag von 08.00 – 20.00 h operiert, auch Samstag und Sonntag. Alle Teilnehmer*innen des internationalen Teams wirkten ehrenamtlich mit und trugen sämtliche Kosten für die Reise und den Aufenthalt selber. Zusätzlich gingen sehr umfangreiche Materialspenden aus den Heimatkrankenhäusern der Teammitglieder ein. Nebenbei erfolgten ausführliche Workshops zur Stomatherapie und es wurde das Sozialprojekt „Beyond Fistula“ einbezogen. Hierbei handelt es sich um eine kleine Wohnanlage, in welcher die soziale ReIntegration der Patientinnen vorbereitet wird, welche von ihren Familien vertrieben wurden. Die Patientinnen erhalten z.B. eine handwerkliche Grundausbildung, so dass sie langfristig eine wirtschaftliche Unabhängigkeit aufbauen können. Das umfassende Programm zur sozialen und psychischen Rehabilitation wird von Carolyne Aluku Mabeya geleitet. Sie hat einen Doktortitel in Psychologie, ist Psychotherepeutin und die Ehefrau von Dr. Hillary Mabeya.

Die Campaign 52 wurde intensiv begleitet von einer Öffentlichkeitsarbeit, welche eine Unternehmenskommunikation, Darstellungen in den sozialen Medien und wissenschaftliche Publikationen einschloss. Alle Beteiligten wurden eingeladen, ihre Motive zur Teilnahme und ihre Erfahrungen und Gedanken zur Campaign 52 mitzuteilen. Sehr gerne habe ich die beiden Fragen beantwortet, welche mir für einen Medienauftritt gestellt wurden:

Was unterscheidet meine Arbeit in Afrika von der Arbeit in Deutschland?

Natürlich denkt man bei dieser Frage zuerst an den Unterschied in der Infrastruktur. Aber das ist nur ein sehr oberflächlicher Aspekt; als Chirurg gehört es zum Alltag, unter unerwarteten Bedingungen arbeiten zu müssen, Kompromisse einzugehen und mit hohem Druck umzugehen. Das ist Routine. Für mich besteht der entscheidende Unterschied darin, dass wir uns hier um eine extrem schutzbedürftige und äußerst belastete Patientengruppe kümmern.

Diese Patientinnen sind in vielerlei Hinsicht benachteiligt: Wie überall auf der Welt müssen sie die immense Last der Fortpflanzung tragen; doch hier sind die Bedingungen für die Geburt völlig unzureichend; hier werden Mädchen schwanger und sterben während der Geburt oder erleiden schreckliche Verletzungen; einige der Mädchen und Frauen aus benachbarten Ländern, die in bewaffnete Konflikte verwickelt sind, wurden Opfer von Vergewaltigungen durch bewaffnete Männer. Aufgrund ihrer so entstandenen Erkrankungen des Beckenbodens werden sie stigmatisiert und sogar von der Gesellschaft ausgegrenzt; selbst nach einer Operation ist ihre Integration in die Gesellschaft äußerst schwierig.

Darüber hinaus genießen Ärzte, die sie versorgen, nicht das gleiche hohe Ansehen wie Ärzte, die nicht schutzbedürftige Patienten behandeln.

Viele Beckenbodenschäden und auch Fisteln entstehen durch die oftmals als „kulturell bedingt“ angegebenen, meines Erachtens aber am ehesten misogyn veranlassten weiblichen Genitalverstümmelungen. Hierbei werden in unterschiedlichem Ausmaß äußere und innere Schamlippen und Klitoris in einem rituellen Akt durch Frauen mit spirituellem Rang bei wachem Mädchen abgeschnitten, oftmals mit einem Ritualmesser oder einer Glasscherbe. Die Mädchen werden dabei durch Frauen aus dem Dorf oder aus ihrer eigenen Familie festgehalten. Die Schreie der Verzweiflung und aufgrund der furchtbaren Schmerzen sind vielfach dokumentiert. Nach der Verstümmelung werden die Mädchen mit zusammengebundenen Beinen für viele Tage in eine Hütte gelegt. Nicht wenige Mädchen sterben durch Verbluten oder Infektion. Die Genitalverstümmelungen sind eine der Ursachen für die Ausbildung von Fisteln.

Adressat dieser Maßnahme ist der spätere Ehemann. Viele Männer in der archaischen Gesellschaft Subsahara-Afrikas legen nach vielfachen Darstellungen Wert darauf, dass den Frauen das Lustempfinden genommen wird. Hiervon erhofft der Mann sich eine zuverlässige Treue der Frau in der Ehe.

Was ist ihr persönliches Erleben zur Campaign 52?

Es ist eine große Ehre für mich, dass ich einen bescheidenen Beitrag als Chirurg zu der humanitären Hilfsaktion leisten konnte. Es bewegt mich sehr, zu sehen, wie viele Menschen sich für die betroffenen Patientinnen einsetzen, um durch hohen persönlichen Einsatz Verbesserungen für die Situation der betroffenen Mädchen und Frauen zu erreichen. Als Ärztinnen und Ärzte versuchen wir, Leiden zu lindern und vielleicht sogar zu heilen. Gleichzeitig sehen wir immer die Ursachen des Leidens. Die Mädchen und Frauen, denen mit der Campaign 52 geholfen wird, erleiden in hohem Ausmaß physischen und psychischen Schaden, welcher direkt durch Männer verursacht wird oder indirekt durch Männer in patriarchalischen Gesellschaften.

Das Patriarchat hat die Geschichte der Menschheit bisher gestaltet.

Über meinen Beitrag zur Hilfe als Chirurg hinaus möchte ich gerne mehr tun, um Verbesserungen zu erreichen: Ich möchte gerne meine männlichen Geschlechtsgenossen auf dieser Welt ermutigen, einen besseren Beitrag zum Leben auf diesem Planeten zu leisten, als sie es in den vergangenen 100.000 Jahren getan haben.

Campaign 52 – an der Spitze des Eisberges

Die Spitze des Eisberges ist ein bekanntes Symbol. Aus hydrophysikalischen Gründen befinden sich immer nur 10% der gesamten Masse über Wasser. Der sichtbare Anteil lässt deshalb immer das viel größere Ausmaß des gesamten Berges erahnen. Leider ist für uns alle die Übertragbarkeit dieses Phänomens auf viele Probleme bekannt. Ganz sicher lässt sich das für die Bemühungen um Verbesserungen der Lebensbedingungen aller Menschen in armen Ländern sagen. Die Masse der unbehandelten Krankheiten, der Armut und Leiden der Menschen in Afrika ist erdrückend. Die Erfahrung zeigt, dass Verbesserungen nur für einen kleineren Anteil erreicht werden können. Mit dieser Tatsache muss jeder umgehen, der helfen möchte.

Die Hilfsaktion für Frauen und Mädchen in Kenia und angrenzenden Ländern ist gemessen an der grundsätzlichen Benachteiligung von Mädchen und Frauen, dem geringen Zugang zu medizinischer Versorgung sowie angesichts der großen Häufigkeiten der körperlichen und seelischen Verletzungen ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer einen Eisberg verändern möchte, wird jedoch immer an der Spitze beginnen. Die großartigen Leistungen von Dr. Mabeya und seinem Team ermöglichen zahlreichen Mädchen und Frauen, ihre körperlichen Leiden zu überwinden und mit ihren seelischen Verletzungen zu leben, vielen auch eine soziale Reintegration. Darüber hinaus aber geht von seiner Arbeit ein sehr starkes Signal aus für einen Schutz der Würde und Gesundheit von Frauen und Mädchen in Afrika.

Gleiches gilt für die Campaign 52. In diesem Jahr konnte durch die Kampagne 209 Mädchen und Frauen geholfen werden. Ebenso strahlt die Campaign 52 aber mit großer Reichweite unter anderem über eigene wissenschaftliche Publikationen und eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit weit über die Aktionswochen und über das kenianische Hochland hinaus und wir durch ihre Inspirationskraft noch vielen weiteren Betroffenen helfen.

 

Verfasst von: Erik Allemeyer, April 2026

Literatur:

Mabeya H, Aluku C, Crosby CD, Spivak AR, Haruethaivijitchock P, Rojanasakul A, Dhir M, Abbas MA; Members of Campaign_52. Complex Pelvic Fistulas in African Women: The Challenges and Opportunities of an Ongoing Epidemic. Dis Colon Rectum. 2025 Feb 1;68(2):144-153. doi: 10.1097/DCR.0000000000003548. Epub 2024 Nov 7. PMID: 39508473.

Spivak AR, Abbas MA, Hull TL, Sahakitrungruang C, Crosby CD, Kouteich KL, Iranpour A, Halabi WJ, Mabeya HM; Members of Campaign_52. Campaign_52: Restoring Hope, Dignity, and a Better Future for African Women With Complex Pelvic Fistulas. Dis Colon Rectum. 2025 Jun 1;68(6):665-673. doi: 10.1097/DCR.0000000000003689. Epub 2025

Halabi WJ, Sahakitrungruang C, Mabeya H, Aluku CM, Kouteich K, Iranpour A, Abbas MA; Members of Campaign_52. The Legacy of Campaign_52: What the Future Holds for Female Pelvic Fistulas in Africa. Dis Colon Rectum. 2025 Aug 1;68(8):921-926. doi: 10.1097/DCR.0000000000003801. Epub 2025 May 5. PMID: 40323659.