Und am Schluss eine Tasse Tee

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Die Pflege-Studentin Eleonore Michanosin aus Ankum macht ein Praktikum bei der Caritas-Hauskrankenpflege im russischen Marx.

Und am Schluss eine Tasse Tee Die Pflege-Studentin Eleonore Michanosin aus Ankum macht ein Praktikum bei der Caritas-Hauskrankenpflege im russischen Marx. Marx/Russland, 8. Mai 2018. Behutsam streicht Eleonore Michanosin mit dem feuchten Tuch über die geschlossenen Augen ihrer Patientin, über das Kinn und die Wangen, säubert den Mund. Tatjana Ivanova hält ganz still. Die 91-Jährige kann sich selbst beinahe gar nicht mehr bewegen und ist froh, wenn die Mitarbeiterinnen der Caritas-Hauskrankenpflege einmal am Tag bei ihr daheim in der russischen Stadt Marx vorbeikommen. Seit einigen Wochen ist fast immer Eleonore Michanosin aus Ankum dabei, die derzeit ein Praktikum bei der dortigen Hauskrankenpflege macht. Eigentlich befindet sich die 21-Jährige im Dualen Studium Pflege am Bildungszentrum St. Hildegard in Osnabrück und an der Hochschule Osnabrück und arbeitet im Niels Stensen Pflegezentrum in Ankum. Für ihr Praktikum im sechsten Semester ist sie nun für elf Wochen an die Wolga nach Südrussland gereist. In Marx hat sich die 21-Jährige mit russland-deutschen Wurzeln schnell eingefunden: „Die Sprache, das Essen, das fühlte sich alles gleich sehr heimisch an.“ Und auch ihr Russisch, das sie aus ihrem Elternhaus kennt, ist inzwischen viel besser als noch zu Beginn. Viel Zeit Das Praktikum gefällt ihr. „Die pflegerische Arbeit ist ähnlich wie zu Hause“, sagt sie. „Aber die Rahmenbedingungen dafür sind einfach ganz anders.“ Im Negativen heißt das: Im staatlichen Gesundheitssystem Russlands fehlen eine Finanzierung, gut ausgebildete Pflegekräfte sowie eine ent-sprechende Ausrüstung und Hilfsmittel. Im Positiven bedeutet es: Die Caritas-Mitarbeitenden leisten nicht nur Pionierarbeit, sondern bringen bei ihren Hausbesuchen zugleich viel Zeit und Ruhe mit. „Wir können uns intensiver um die Patienten kümmern“, sagt Eleonore Michanosin. „Wenn wir mit der Pflege fertig sind, setzen wir uns nicht selten noch mit den Angehörigen zum Tee zusammen, um zu hören, wie es ihnen geht, und um Tipps zu geben für den Umgang mit dem alten oder kranken Menschen.“

Auch beim Besuch bei Tatjana Ivanova wird deutlich: Zeitdruck verspüren die 21-Jährige und ihre Kollegin Olga Koscheleva von der Caritas-Hauskrankenpflege nicht. Auch wenn die 91 Jahre alte Patientin aufgrund ihrer starken Arthrose ans Bett gefesselt ist, im Kopf ist sie klar. Es wird geredet, ein wenig gelacht, bis schließlich der unangenehme Teil für die alte Frau kommt: der Gang auf den Toilettenstuhl, danach die Körperwäsche im Liegen. Die arthritischen Gelenke bereiten ihr große Schmerzen, obgleich die beiden Pflegerinnen sie vorsichtig heben und bewegen. „Berührungsängste darf man hier nicht haben“, sagt die Ankumerin. „Aber das ist bei meiner Arbeit zu Hause im Pflegeheim ja nicht anders.“ Guter Austausch Ins Team der Caritas-Hauskrankenpflege in Marx hat sich die Studentin gut eingefügt. Mit ihren vier Kollegen – drei Frauen und einem Mann – versteht sie sich. „Ich fahre nie alleine zu einem Patienten, sondern bin immer zusätzlich dabei“, erklärt Eleonore Michanosin. Ihre Kollegen freuen sich über die Unterstützung aus Deutschland: „Sie macht das großartig“, sagt Olga Koscheleva. „Wenn sie einmal nicht dabei ist, weil sie andere Haus-besuche begeleitet, fragen viele Patienten sofort: Wo ist denn Eleonore heute?“ Beide Seiten profitieren von dem Austausch. „Ich lerne hier sehr viel im engen, direkten Kontakt zu den Patienten und den Angehörigen und kann zugleich immer wieder selbst etwas Wissen beisteuern“, so die 21-Jährige. Das erkennt auch Anette Lindemann. Die Schulleiterin der Berufsfachschu-le Altenpflege am Bildungszentrum St. Hildegard in Osnabrück ist nach Marx gereist, um ihre Schülerin während des Praktikums zu besuchen. „Sie leistet hier sehr gute Arbeit, genau wie das ganze Team der Hauskrankenpflege“, lobt sie. „Es ist hervorragend, wie gut Eleonore angeleitet wird und dass ihr bei der Betreuung der Patienten etwas zugetraut wird.“ Besonders beeindruckt zeigt sie sich davon, „welch gute Pflege die Caritas-Mitarbeitenden unter den gegebenen, schwierigen Rahmenbedingungen bieten“. Hilfe aus Osnabrück Seit 2002 gibt es die Hauskrankenpflege in Marx an der Wolga. Dass Eleonore Michanosin hier ein Praktikum machen kann und während dieser Zeit untergebracht und versorgt ist, hat Ottmar Steffan von der Russlandhil-fe „Eine Kuh für Marx“ des Caritasverbandes für die Diözese Osnabrück vermittelt. Seit 20 Jahren pflegt er Kontakte nach Marx. Die Caritas in Osnabrück unterstützt auch die Hauskrankenpflege, denn ohne die finanzi-elle Hilfe wäre dieses Projekt nicht möglich: In Russland gibt es keine staatliche Finanzierung für Pflege, weshalb die russische Caritas vollständig auf Spenden angewiesen ist, auch um die Mitarbeitenden zu entlohnen. Für die Patienten ist das Angebot kostenlos. „Viele Menschen könnten es sich niemals leisten, für die Pflege zu zahlen“, sagt Eleonore Michanosin angesichts der Verhältnisse, in denen viele Familien und Senioren leben. „Sie geben uns trotzdem zwischendurch etwas, wenn sie meinen, etwas erübrigen zu können.“ Lächelnd fügt sie hinzu: „Vor allem aber geben sie uns eine unglaubliche Dankbarkeit zurück. Das ist das schönste.“ Mehr zum Hauskrankenpflege-Projekt und zur Russlandhilfe der Osnabrü-cker Caritas gibt es unter www.eine-kuh-fuer-marx.de. (Eleonore Michanosin)

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