Schmerztherapie für onkologische Patientinnen und Patienten

Multimodal – Multiprofessionell – Ganzheitlich

Schmerzen können, wenn sie akut auftreten ein wichtiges Warnsignal sein. Leider können sie aber auch länger andauern und sich zu einem eigenständigen Problem entwickeln. Solche chronischen Schmerzen quälen die Betroffenen und engen die Möglichkeiten in vielen Lebensbereichen ein. 

Da jeder Mensch ein eigenes Schmerzempfinden hat und sich bei jeder Patientin bzw. jedem Patienten Schmerzen unterschiedlich äußern, ist es wichtig eine individuelle Strategie zur Bewältigung der Schmerzen zu entwickeln. Hierzu kommen unterschiedliche Therapieansätze zum Tragen, die ineinandergreifen (multimodales Konzept).

Multimodales Konzept

Zum mulitmodalen Konzept gehören zum Beispiel diese Bereiche:

1. Pflegerische Maßnahmen

  • Lagerung
  • Kälte/Wärmeanwendung
  • Aromapflege
  • Basale Stimulation wie atemstimulierende Einreibungen
     

2. Physiotherapie/Ergotherapie

  • TENS
  • Massage
  • Manuelle Therapie
  • Lymphdrainage
     

3. Medikamentöse Therapie

  • „zentral“ wirkende Analgetika
  • „peripher“ wirkende Analgetika
  • „Co“ Analgetika
  • Begleitmedikation
     

4. Tumorspezifische Therapie

4.1 Lokaltherapie

  • Operation
  • Bestrahlung
     

4.2 Systemtherapie

  • Chemotherapie
  • Immuntherapie (Checkpointinhibitoren)
  • Zielgerichtete Substanzen
     

5. Psychologische Therapie

  • Psychotherapie
  • Entspannungsübungen
  • Musik/Kunsttherapie
  • Edukation

Medikamentöse Therapie

Ein Teil des multimodalen Konzeptes ist die Medikamentöse Therapie, deren Ziel u.a. die Bewältigung der Schmerzen ist. Hierbei spielen folgende Faktoren eine Rolle:

Medikamentöse Schmerztherapie

Tumorschmerzen bedürfen oft einer dauerhaften Behandlung, um eine gute Lebensqualität zu ermöglichen und möglichst zu erhalten. Deshalb sollten die Schmerzmittel regelmäßig eingenommen werden. Lang wirksame Medikamente (retardierte Präparate oder Schmerzpflaster) sind Basis der Schmerztherapie. Bei konsequenter Einnahme nach festem Zeitplan werden oft weniger Medikamente benötigt als bei unregelmäßiger Einnahme. Bei Bedarf können kurz wirksame Medikamente für sogenannte Schmerzspitzen die Dauertherapie ergänzen.

Eine Kombination mehrerer Medikamente ist bei starken Schmerzen oft sinnvoll, um Nebenwirkungen zu reduzieren und synergistische Effekte zu nutzen. 
 

1. „peripher“ wirksame bzw. nichtopioidhaltige Schmerzmittel

Die Wirkung setzt an den Nervenenden im Körpergewebe an, also dort wo die Schmerzen ausgelöst wurden.

Sie können bei leichteren Schmerzen allein, bei stärkeren Schmerzen in Kombinationen mit Opioiden eingesetzt werden.

Zu den peripher wirksamen Schmerzmitteln gehören nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID), Metamizol und Paracetamol.

NSAID wie Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, Celecoxib, Etoricoxib und Parecoxib zeigen eine gute Wirksamkeit bei Knochenschmerzen. Sie können insbesondere bei längerer Einnahme zu Reizungen der Magenschleimhaut bis hin zum Magengeschwür, Blutungsneigung, Bluthochdruck und Nierenschädigung führen. Bei Patienten mit vorbestehender Nierenfunktionsschädigung, koronarer Herzerkrankung, Zustand nach Schlaganfall und/oder Magengeschwür sollte auf diese Medikamentengruppe verzichtet werden.

Metamizol weist eine gute entkrampfende Wirkung z.B. bei Nieren- und Gallenkoliken und Bauchschmerzen auf. Häufiger reagieren Patienten mit Schwitzen oder bei längerer Einnahme mit Inappetenz auf dieses Medikament. Auch kann ein niedriger Blutdruck (insbesondere bei schneller intravenöser Gabe) auftreten. Die gefürchtete Nebenwirkung der Blutbildveränderung (Agranulozytose) tritt allerdings nur sehr selten auf. Warnhinweise für eine Agranulozytose sind oft Halsschmerzen, Angina tonsillares, entzündliche Schleimhautulzera, Fieber und gegebenenfalls Schüttelfrost.

Paracetamol ist häufig ein nicht so effektives Schmerzmittel und kann zu Übelkeit, Magenbeschwerden führen. Hierbei steht die potentielle Leberschädigung im Vordergrund, die auch dosisunabhängig auftreten kann. Insbesondere bei starkem Untergewicht und Mangelernährung ist Vorsicht geboten.

2. „zentral“ wirksame Schmerzmittel (Opioide, Morphiumabkömmlinge)

Bei diesen Medikamenten findet die Wirkung direkt im Gehirn statt. 

Es sind stark wirksame Schmerzmittel, die grundsätzlich rezeptpflichtig und teilweise nur auf einem gesonderten „Betäubungsmittelrezept“ verordnungsfähig sind.

Nebenwirkungen wie Übelkeit, Benommenheit und Müdigkeit treten in den ersten Tagen der Behandlung auf und lassen dann meist nach. Eine dauerhafte Nebenwirkung ist die Verstopfung. Diese muss nicht selten mit Abführmittel, sogenannten Laxantien behandelt werden.

In den ersten 14 Tagen der Therapie und nach Dosissteigerung muss auf die aktive Teilnahme im Straßenverkehr und auf das Bedienen von Maschinen verzichtet werden, da die Reaktionszeit verzögert sein kann. 

Bei längerer Opioideinnahme entsteht eine vorübergehende Abhängigkeit. Deshalb soll ein abruptes Absetzten vermieden werden. Bei rückläufigen Schmerzen sollen Opioide in Absprache mit dem behandelnden Arzt ausgeschlichen werden.

Folgende Medikamente gehören dazu: Tramadol, Tilidin, Oxycodon, Morphin, Fentanyl, Buprenorphin, Hydromorphon.

3. "Co" Analgetika

Hierbei handelt es sich nicht um Schmerzmittel im eigentlichen Sinne, sie können aber die Wirkung der oben genannten Schmerzmittel verstärken und werden deshalb abhängig von der Art der Schmerzen ergänzend eingesetzt.

Folgende Medikamente gehören dazu: 

Steroide (wie Dexamethason), bestimmte Krampfanfallmedikamente (Gabapentin, Carbamazipin, Pregabalin), Antidepressiva (Mirtazapin, Duloxetin, Venlafaxin, Amitriptylin), muskelentspannende Medikamente

4. Begleitmedikamente

Begleitmedikamente sind häufig unverzichtbar um Nebenwirkungen der Schmerzmittel zu begrenzen oder vorzubeugen.

Dazu gehören insbesondere Medikamente zum Schutz der Magenschleimhaut (Ulkusprophylaxe), gegen Übelkeit und Verstopfung

Möglichkeiten der schmerzreduzierenden Behandlung

Hierzu zählen vielfältige Therapieansätze, die die Lebensqualität und die Eigenständigkeit der Patienten verbessern. Verschiedene Berufsgruppen arbeiten zusammen, um dieses Ziel zu erreichen.

Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Krebstherapie im engeren Sinne. Medikamentöse Tumortherapie, Operationen oder Bestrahlungen können Schmerzen reduzieren. Wenn der Tumor verkleinert werden kann, lassen in den meisten Fällen die Schmerzen nach. Die an der Tumortherapie beteiligten Fachärzte unterschiedlicher Fachdisziplinen stimmen die Behandlung in der Regel untereinander ab und legen ein Behandlungsregime in einer „Tumorkonferenz“ fest.

Der Schmerz ist immer ein subjektiv empfundenes Phänomen. 

Durch Angst können Schmerzen weiter verstärkt werden (z.B. entstehen Muskelverspannungen durch verkrampfte und angespannte Haltung). Hier können Psychotherapie und Physiotherapie oder Techniken wie Biofeedback dazu beitragen, ein Leben mit Schmerzen zu ermöglichen. Des Weiteren können auch Methoden der integrativen Therapie (z.B. Musik- oder Kunsttherapie, Aromapflege, Basale Stimulation, Entspannungstherapie) zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Die Anwendung von physikalischer Therapie sowie einer transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS), bei der durch elektrische Reizung von Hautarealen über Oberflächenelektroden eine Schmerzübertragung vom Nerven zum Gehirn unterbunden werden soll können weiterhin zu einer nachhaltigen Schmerzreduktion führen und eigenständig genutzt werden.

Falls unter der verordneten Schmerzmedikation keine ausreichende Schmerzreduktion erzielt werden kann, bestehen die Möglichkeit der direkten Betäubung von Nerven (Schmerzkatheter) oder der Anwendung von Schmerzpumpen.

Schmerztherapieplanung

Im Arzt- und Pflegegespräch reden wir mit Ihnen über die Ursachen und die Art der Schmerzen. Es ist uns wichtig, dass Sie uns die Lokalisation, Stärke und das Empfinden (wie sich der Schmerz anfühlt) sowie Begleitsymptome mitteilen. Nur so können wir für Sie eine adäquate Therapiestrategie aus medikamentösen und nicht medikamentösen Behandlungseinheiten entwickeln.

Im weiteren Verlauf wird der Erfolg der Therapie regelmäßig gemeinsam mit Ihnen beurteilt. Bei zunehmenden oder abnehmenden Schmerzen wird die Therapie entsprechend angepasst. 

Die Erstellung des Behandlungsplans erfolgt primär durch den behandelnden Onkologen. Eine Zusammenarbeit mit Therapeuten der speziellen Schmerztherapie und Palliativmedizin ist in manchen Fällen nützlich und werden bei Bedarf beratend mit eingebunden.

Schmerztagebuch

Hilfreich kann ein Führen eines „Schmerztagebuches“ sein. In diesem können Begleitsymptome, Änderungen der Intensität oder Art des Schmerzes sowie Therapieanpassungen notiert werden. Dieses Tagebuch sollten Sie zu jedem Arztbesuch mitbringen. 

Kontakt

Dr. med. Marion Kaling

Oberärztin

Chronische Schmerztherapeutin