30.08.2012: Auslandseinsatz in Tansania von Isabell Weber

Schon seit meiner Schulzeit begleitete mich die Idee, mal eine längere Zeit im Ausland zu verbringen. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Gesundheits – und Krankenpflegerin verstärkte sich dieser Wunsch: eine Auszeit vom routinierten europäischen Alltag zu nehmen, um dort etwas zu leisten, wo Menschen es wirklich nötig haben, wo das Gefühl entsteht, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

Nach Rücksprache mit der Schulleitung und einer 2 - monatigen Vorbereitungszeit stand mein Vorhaben dann tatsächlich fest: ein sechswöchiger ambulanter Pflegeeinsatz in Tansania!

Ich verbrachte 6 Wochen im ostafrikanischen Staat Tansania, direkt am Indischen Ozean.

Das Land ist ca. 945.087 km² groß und hat 41 Mio. Einwohner. Die Sprache der Einheimischen ist Swahili, während die Amts- und Regierungssprache Englisch ist, was mir die Verständigung erheblich erleichterte. Ich wohnte in Dar Es Salaam, einer Stadt mit ca. 3-4 Mio. Einwohnern, arbeitete im Amana Hospital, einem der größeren Krankenhäuser Dar Es Salaams mit ca. 350 Betten und 40 bis 45 angestellten Ärzten. Das Krankenhaus zählte zu den „Public Hospitals“, die im Gegensatz zu den „Private Hospitals“ zum größten Teil staatlich finanziert werden. Patienten zahlen hier nur einen minimalen Beitrag für den stationären Aufenthalt, während die Kosten in den „Private Hospitals“ komplett privat durch die Patienten gedeckt werden müssen und daher nur Wenigen der wohlhabenden Gesellschaftsschicht zugänglich sind. Das bedeutet, dass die staatlichen Krankenhäuser von der ärmeren Bevölkerung sehr stark frequentiert werden und Diagnostik und Therapie aufgrund fehlender Mittel nur begrenzt ermöglicht werden können. 

Während meines Praktikums lernte ich verschiedene Bereiche des Krankenhauses kennen – hier kann ich leider nur exemplarisch 2 Einsatzbereiche etwas näher vorstellen: Labour ward (Kreißsaal) und HIV – Department ( ambulante HIV- Klinik ).

Die ersten Tage meines Einsatzes in Tansania verbrachte ich im Kreißsaal des Amana Hospitals. Da ich meinen Geburtshilfeeinsatz auf der Wöchnerinnenstation noch nicht absolviert habe, somit noch nicht im Kreißsaal war bzw. eine Geburt gesehen habe, stellte dieser Einstieg eine besondere Herausforderung für mich dar. Völlig neue Eindrücke auf dem Gebiet der Geburtshilfe- und völlig neue Erfahrungen des afrikanischen Krankenhausalltags. Eine Mischung, die ich erst einmal verdauen musste, nachdem mich meine betreuende Ärztin am ersten Tag absolut unvermittelt direkt in den Kreißsaal geführt hatte.

Die Fotos, die ich hier machte, dokumentieren meine ersten Eindrücke recht anschaulich. Natürlich hatte ich vorab eine ungefähre Vorstellung davon, was mich in einem afrikanischen Krankenhaus erwarten würde. Trotz allem schockierte mich das, was ich sah… Ich fand mich in einem Raum wieder, der so gar nicht dem ähnelte, was ich aus deutschen Krankenhäusern kannte. Ein Raum mit dreckigen Böden, zehn rostigen Pritschen mit fleckigen Gummibezügen, auf denen wimmernde, schreiende Frauen lagen und ihre Kinder zur Welt brachten. Schmutzige Vorhänge zum Abtrennen, die nicht genutzt wurden und daher keinerlei Privatsphäre boten. Ich war geschockt vom Zustand der Station, davon auf welche Art und Weise und unter welchen Umständen hier Babys geboren wurden.

 

Mich schockierte die mangelnde Hygiene, die fehlende Sterilität, auf die man bei uns so sehr gedrillt wird. Die ärmliche spärliche Ausstattung. Das Haus selbst stellt nur wenige Materialien zur Verfügung, das meiste müssen die Schwangeren selbst mitbringen. Was mich weiterhin irritierte, waren die sozialen, pflegerischen Umgangsformen. Die Hebammen, die kaum auf die Frauen eingingen, die bei Schmerzensschreien keine Reaktion zeigten, den Frauen oftmals sich selbst überließen oder aber sie anschrien, manchmal sogar schlugen. Eine harte, gefühlslose Arbeit verrichteten, keinerlei Emotionen zeigten. Wie am Fließband arbeiteten. Einfühlsamkeit, ein sensibler Umgang fehlten. Und auch die werdenden Mütter zeigten Reaktionen, die mir fremd erschienen. Kein Ausdruck von Freude nach der Geburt, stattdessen Desinteresse am Kind, wenn es den Frauen gezeigt wurde, kein Berührungskontakt. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Geburt in Tansania verglichen mit Deutschland kein außergewöhnliches Ereignis darstellt, dass Babys hier ständig geboren werden und das vielfach ungewollt. Eine tansanische Frau bringt im Durchschnitt 5,3 Kinder zur Welt. In der Klinik gab es täglich 60 bis 80 Entbindungen. Eine Geburt war somit ein Alltagsereignis und absolute Normalität.

Ein großer Teil meiner Arbeit in diesen ersten Tagen bestand, wie bereits beschrieben aus Beobachten und Zusehen. Morgens nahm ich am sogenannten “Morning Report“ teil, einer Übergabe der Ärzte aus der Nachtschicht an den Tagdienst. Während meiner Dienstzeit sah ich häufiger bei Geburten zu. Ich ließ mir eine Menge erklären, stellte viele Fragen, versuchte mich in den Arbeitsablauf zu integrieren und den Hebammen und Schwestern bei ihrer Arbeit zu helfen. Bei Entbindungen durfte ich Vor- und Nachbereitungen treffen und ein wenig assistieren. Ich wog die Neugeborenen und dokumentierte die Werte. Weiterhin sah ich bei einigen Untersuchungen, Dammnähten und auch Sectios zu. Und ich durfte einen Krankentransport zum Muhimbili Hospital begleiten, da einige Notsectios aufgrund eines erneuten Stromausfalls (!) nicht stattfinden konnten und daher zwangsläufig ins andere Krankenhaus verlegt werden mussten.

Obwohl ich all dies sehr interessant und spannend fand, gestaltete es sich als schwierig, richtig aktiv zu werden. Einerseits wollte ich gerne helfen und etwas tun, gerade weil ich aufgrund des Personalmangels wirklich hätte gebraucht werden können. Andererseits konnte ich die mir genannten Aufgaben vielfach nicht bewältigen, (Entbindungen allein durchführen etc.), da ich vorab keinerlei Erfahrungen im Bereich der Geburtshilfe sammeln konnte und natürlich auch keine Hebamme bin. Es war ein unangenehmes Gefühl, nichts tun zu können, insbesondere weil ich immer den Eindruck hatte, dass von Seiten der Schwestern eine gewisse Erwartungshaltung mir gegenüber bestand. Von einer weißen Krankenschwester aus dem reichen Europa in einem afrikanischen Krankenhaus wird Hilfe erwartet- was sonst?

So sah ich mich also gleich zu Beginn mit der Frage nach dem eigentlichen Sinn dieses Aufenthalts konfrontiert. Wollte ich in dem fremden Land arbeiten, helfen, die Welt verbessern? Oder musste ich die Gegebenheiten akzeptieren, wie sie waren und den Aufenthalt als persönliche Erfahrung betrachten?

Einen weiteren interessanten, wie erschreckenden Einblick in die gesundheitliche Problematik Afrikas erhielt ich in der Ambulanz für HIV-Erkrankungen.  

In diesem Teil der Klinik, der vor allem durch Spenden der US-Regierung unterstützt wurde, wurden HIV-Infizierte ärztlich betreut und medikamentös eingestellt. Alle 3-4 Monate stellten sich die Patienten den Ärzten vor, wurden nach aktuellen Beschwerden oder neuen Symptomen befragt, körperlich untersucht und bekamen Blut entnommen, das im Labor auf die HI-Viren und CD4-Zell-Anzahl untersucht wurde.

Das HIV-Stadium wurde ermittelt, die ARV- (antiretrovirale) Therapie zur Stärkung des Immunsystems ggf. angepasst oder fortgesetzt. Die ARV- Medikamente standen den Patienten vor Ort kostenlos zur Verfügung, da sie mithilfe der Spendengelder finanziert wurden. 

Meine Arbeit in der HIV-Ambulanz bestand vor allem in der Teilnahme an den Untersuchungen der Patienten, wodurch ich eine Menge zum Krankheitsbild und Verlauf, sowie zur ARV-Therapie erfuhr. Zudem half ich bei der Erfassung der Patientendaten und dokumentierte den aktuellen Zustand der Patienten. Einerseits eine Tätigkeit, die mir sehr gefiel, da ich selbstständig arbeiten konnte und den Ärzten tatsächlich Arbeit abnahm, andererseits forderte mich die Arbeit mit den HIV-Erkrankten besonders in psychischer Weise.

Als ich an meinem ersten Tag die Ambulanz betrat, konnte ich erstmals das Ausmaß der HIV-Infektionen in Afrika erfassen. Nachdem ich im Female-Ward bereits gesehen hatte, welchen drastischen Verlauf die Krankheit hier in Afrika nehmen kann, sah ich nun, wie viele Menschen tatsächlich davon betroffen waren. Die Halle vor den vier Behandlungszimmern der Ärzte war überfüllt. Rund 100 Patienten warteten hier darauf, ihre Medikamente abholen zu können. 100 HIV-infizierte Personen. Auf Nachfragen erfuhr ich, dass die Ärzte 200 bis 250 Patienten täglich behandelten. Patienten, die alle im Abstand von 3 bis 4 Monaten die Klinik besuchten. Die 250 Patienten, die heute kamen, waren andere, als die 250 Personen die gestern da waren oder die morgen da sein würden. Insgesamt sprachen die Ärzte von rund 16.000 registrierten Patienten, die derzeit am HIV-Therapieprogramm des Amana Hospitals teilnahmen. Und das Amana Hospital war nur eine von insgesamt 21 Kliniken mit HIV-Ambulanzen in Dar Es Salaam. Allein in Dar Es Salaam, einer einzigen Stadt in Tansania.

Tatsächlich beläuft sich die Zahl der HIV-Infektionen in Tansania auf ca. 1,4 Millionen Menschen. In Südafrika sind insgesamt 25,8 Millionen von weltweit 40,3 Millionen Erkrankten mit dem HI-Virus infiziert. Grund hierfür ist vor allem das Unwissen in der Bevölkerung, die späten Präventionsmaßnahmen, Polygamie, Prostitution und fehlendes Geld für Verhütungsmittel wie Kondome. Zudem wird das Thema nach wie vor tabuisiert. AIDS-Kranke werden in afrikanischen Ländern vielfach verstoßen oder diskriminiert, weshalb die Testbereitschaft für HIV erheblich sinkt und sich das Virus weiterhin ungehindert ausbreiten kann.

Fakten, Erlebnisse, die aufwühlen. Obwohl mir bekannt war, dass AIDS neben der Armut zu einem der größten Probleme Afrikas zählt, hat mich die direkte Konfrontation mit der Krankheit sehr erschüttert. Es ist ein Unterschied Zahlen in Lehrbüchern zu lesen oder einer an HIV- erkrankten Menschenmasse plötzlich gegenüberzustehen. Eine Dokumentation im Fernsehen anzuschauen, oder selbst einen HIV-Test mit positivem Ergebnis durchzuführen. Wieder und wieder.

 

Insgesamt empfand ich meine Zeit in Tansania als eine sehr bereichernde, prägende Erfahrung. Es war unglaublich interessant ein so vollkommen anderes Land in so vielerlei Hinsicht kennenzulernen. Allem vorangestellt die Arbeit im Amana Hospital, während der ich einen sehr intensiven Einblick in das Gesundheitssystem und die Problematik Afrikas erhielt. In den sechs Wochen habe ich verschiedenste Stationen durchlaufen, bin dabei unterschiedlichsten Menschen und Schicksalen begegnet. Ich habe viel Leid gesehen, war schockiert, berührt und geriet oft an meine Grenzen. Immer wieder überkam mich das Gefühl der Hilflosigkeit, ich wollte etwas tun, wollte helfen, wollte zur Gesundheit der Patienten beitragen -hatte aber keine Möglichkeit dazu. Oft musste ich mir ins Gewissen rufen, dass ich Auszubildende in der Krankenpflege bin- kein Arzt, keine ausgelernte Schwester, kein Entwicklungshelfer. Dass es nicht mein Auftrag gewesen ist, die Welt in Afrika zu verbessern, sondern dass der Pflegeeinsatz im Grunde dazu diente, etwas zu lernen, zu erfahren, den Blick zu erweitern- wie in jedem anderen Einsatzort auf dem Weg zum Examen zu wachsen. Dass dieser Blickwinkel angesichts der Umstände in Afrika schwer einsehbar ist, ist vielleicht nachzuvollziehen. Trotzdem war der Einsatz für mich persönlich sehr prägend, da ich das Leben in Deutschland wirklich zu schätzen gelernt habe - aber auch kritisch zu hinterfragen beginne. Vor allem unser Gesundheitssystem, der Alltag im Krankenhaus. Die meines Erachtens oftmals übertriebene Hygiene, die Material- und Kostenverschwendung. Die Millionen, die hier täglich verschleudert werden. All das geschieht natürlich immer zum Wohle des Patienten. Aber ist dies gerechtfertigt? Ist uns überhaupt bewusst auf welchem Niveau wir uns bewegen? Welche Möglichkeiten wir haben? Dass diese Möglichkeiten anderswo nicht gegeben sind, wird oft vergessen und, dass es anderswo neben den Millionen an essentiellen, grundsätzlichen Dingen fehlt, die wir im Überfluss besitzen. 

All dies habe ich vor meinem Aufenthalt in Tansania nicht bedacht. Dass unser Leben in Deutschland, nicht nur bezogen auf die Arbeit im Krankenhaus, einfach nicht selbstverständlich ist.

 

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