11.01.2013: SchülerInnen des Oberkurses besuchten die Friedrichsburg in Münster

25 Schülerinnen und Schüler des Oberkurses besuchten am 26. September 2012 eine der wenigen Einrichtungen in Norddeutschland, die nach dem mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell arbeitet. Die Friedrichsburg in Münster ist eine Einrichtung in Trägerschaft der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung und verfügt derzeit über 114 Einzelzimmer, 8 Doppelzimmer und 4 Zweiraum-Apartments. 

Das Pflegemodell stellt die Beziehungen zwischen pflegebedürftigen Menschen und den Pflegekräften in den Mittelpunkt. Daraus folgt, dass Bewohner und Mitarbeiter gleichermaßen wertgeschätzt werden. 

Auszubildende in der Pflege bringen in der Regel ein gewisses "Talent" zum Pflegen mit. Ohne dieses "Pflegetalent" wären sie auf Dauer gar nicht fähig, einen solch (emotional) schwierigen Job auszuüben. Damit ist aber nicht nur ein geschicktes Händchen bei helfenden Handlungen, ein guter Rundumblick und medizinisches Fachwissen gemeint, sondern es meint vor allem die Fähigkeit, den Gepflegten in den verschiedenen Phasen des Erlebens von abhängigen Situationen und von Krankheitsbewältigung (Pflegeprozess) zu verstehen und zu begleiten. Hier braucht es hohe emotionale Intelligenz und kommunikative Kompetenzen, um Beziehung und Pflege gelingen zu lassen. Solches "Pflegetalent" schlummert in den beruflich Pflegenden und muss wach gerufen und hervorgeholt werden, damit es nicht verkümmert. Dazu müssen sich Pflegende die gelungenen Kontakte und die Möglichkeiten ihres Pflegehandelns systematisch bewusst machen, damit die Professionalität ihres Handelns eine Sprache erhält. Wenn es nicht bewusst gemacht wird, bleibt es gewissermaßen verschlossen. Das ist der Kern der sokratischen Methode der Mäeutik: 

 - Pflegetalent durch geschicktes Fragen entwickeln, 

- im Dialog zum Klingen (zur Sprache) bringen und

- im Rahmen einer professionellen Dokumentations- und Besprechungskultur Ergebnisse und Maßnahmen der Pflege reflektieren.

Dabei zielt Pflege nicht immer und allein darauf ab, Gesundheitsziele zu erreichen. In Pflegeheimen haben die Mitarbeiter mit Menschen zu tun, die mit einem zerbröckelnden Selbstbild und einer zunehmenden Verletzbarkeit kämpfen. Das „Nicht-Können“ und  das "Immer-weniger-Können" ruft Gefühle von Verlust, Trauer, Hilflosigkeit, ja sogar Verzweiflung hervor. Und diese Gefühle wirken auf die Pflegebeziehung. 

Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell nach Cora van der Kooij stellt nun den Versuch dar, einen Zugang zum alten und dementen Menschen zu bekommen, in dem die Pflegetalente sich entwickeln können. Unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und der jeweiligen Gefühlswelt des Gepflegten erarbeitet das Pflegeteam systematisch die Erfolgsgaranten gelingender Beziehung und bildet diese phasengerecht ab. Nicht die Defizite und deren Ausgleich stehen im Vordergrund, sondern die Verarbeitung lebensgeschichtlicher Ereignisse, die Bewältigung und das Ausleben von Gefühlen und Antrieben. Der Aufbau von Vertrautheit und möglichst langer Erhalt von Identität und Persönlichkeit prägen den Umgang. Neben der Hilfestellung bei erforderlichen Pflegetätigkeiten ist mäeutische Pflege vor allem professionelle Beziehungsgestaltung.

Dem Pflegedienstleiter, Herrn Losinzky, gelang es eindrucksvoll, das Besondere des Modells zu erläutern. Aber es wurde auch deutlich, dass die Umsetzung eines Modells einen hohen Aufwand und - Zeit braucht, bis die Einrichtung davon durchdrungen ist - eine Herausforderung in Richtung Qualitätsmanagement und Fort- und Weiterbildung. So zahlen sich Geduld und Nachhaltigkeit am Ende aus. Die institutionellen Rahmenbedingungen, wie Besprechungskultur und Dienstplangestaltung nehmen nachhaltigen Einfluss und erfordern das Engagement aller Mitarbeiterinnen, ob mit oder ohne Examen. Besonders beeindruckt waren die Schüler am Ende, dass tatsächlich eine andere, gleichwohl theoretisch fundierte Form von Pflegeprozessplanung möglich ist. 

Lehrer und Schüler erhielten so zahlreiche Ideen und Gedankenanstöße. Wir bedanken uns bei den Leitungsmitarbeitern der Einrichtung für einen gelungenen Hospitationstag in der Friedrichsburg. Michael Thomsen

Zurück zum Seitenanfang