Vom Viktoria-See in den Grönegau

CKM - Christliches Klinikum Melle

CKM-Oberarzt Dr. Frank Beier hat lange in Tansania gearbeitet

 

 

Melle. Noch vor wenigen Jahren konnte Dr. Frank Beier morgens aus seiner Wohnung den Sonnenaufgang über dem Viktoria-See am Horizont beobachten. Er leitete die chirurgische Abteilung im Krankenhaus von Ndolage auf einer Hochfläche im Nordwesten von Tansania. Nun ist er nach Melle gekommen, um in den Niels-Stensen-Kliniken Christliches Klinikum Melle eine Stelle als Oberarzt im chirurgischen Team von Chefarzt Dr. Grothe zu übernehmen.

Rückblende: Es war 2002 keine leichte Entscheidung, nach sechs Jahren die gesicherte Stelle als Oberarzt in der Chirurgie in Herdecke zu verlassen und mit seiner Frau und dem damals dreijährigen Sohn in das ihm schon von einem Praktikum als Student 1983 bekannte Hospital in Tansania aufzubrechen. Aber bis heute haben er und seine Familie (2004 kam noch eine damals zweijährige Adoptivtochter dazu) diesen Entschluss nicht bereut.

Der Umzug mit der ganzen Familie stellte eine Herausforderung dar, auch wenn die gesundheitlichen Risiken längst nicht so groß waren, wie von mancher Kindergartenmutter befürchtet. Fachlich profitierte Beier davon, dass er schon in seiner vorhergehenden Tätigkeit oft als Allrounder arbeiten musste, denn in Herdecke wurden neben Patienten mit fortgeschrittenen Tumorleiden auch Menschen mit Verletzungen und allen anderen Erkrankungen des Bauches versorgt. Ebenfalls betreute er konsiliarisch eine große Kinderabteilung mit.

In Afrika kamen nun auch noch alle anderen operativ zu versorgenden Erkrankungen hinzu: Mal musste eine Hirnblutung entlastet werden, ein anderes Mal stand ein großer Nierentumor auf dem Programm. Und wenn nicht zufällig ein Gynäkologe zur Verfügung stand, meldete sich auch die geburtshilfliche Abteilung. Sie versorgte pro Jahr 2000 Entbindungen, die Hälfte davon waren Risikoschwangerschaften.

Besonders erfreulich war es für alle Mitarbeitenden des Krankenhauses, wenn  beispielsweise nach zwei Wochen ein Kind wieder nach Hause gehen konnte, bei dem es im Rahmen einer Typhus-Erkrankung auch noch zum Platzen des Dünndarmes gekommen war.

Die Umgebung von Ndolage ist ländlich geprägt.  Die meisten Einwohner der Kagera-Region leben von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft oder vom Fischfang. Wenn genügend Regen fällt, muss niemand hungern. Bargeld, wie es für die Behandlung im Krankenhaus erforderlich ist, ist Mangelware. Auch die örtlich Evangelisch-Lutherische Kirche als Träger des Hauses kann nur das Geld zuschießen, das sie hat. Im direkten Einzugsgebiet leben 130.000 Menschen. Während der Tätigkeit von Frank Beier war es das einzige Hospital, das permanent auch über einen Facharzt verfügte. So war es gleichzeitig für die zwei Millionen Einwohner der Region Überweisungskrankenhaus.

Aber auch mit dem Thema AIDS ist Dr. Beier in Afrika immer wieder konfrontiert worden und hat sich für die Bekämpfung der Erkrankung intensiv eingesetzt. Als er 1983 als Student in Ndolage war, lagen einige Patientinnen mit einer bis dahin unbekannten unheilbaren Erkrankung dort. Wieder zurück in Deutschland erhielt er Briefe von Freunden, dass es sich hierbei um die ersten in Tansania diagnostizierten Fälle von AIDS handelte. Da damals niemand wusste, wie die Übertragung erfolgte, herrschte bald eine große Angst besonders unter dem Krankenhauspersonal. Später ist durch verschiedene Organisationen ein vorbildliches System der sozialen Betreuung und der Beratung aufgebaut worden. Im Jahr 2002 erfolgte eine wiederholte Konfrontation mit dieser Erkrankung, als Dr. Beier anfing, als Chirurg im Krankenhaus Ndolage zu arbeiten. AIDS sei nur eine von vielen tödlichen Erkrankungen, die eng mit der Armut zusammenhingen, erläutert er: „Aber Familien wurden durch sie zerstört, weil die Eltern gestorben sind.“ Überall müssten Waisen um das Überleben kämpfen. Im Krankenhaus sei es frustrierend gewesen, „dass wir oft für viel Geld Komplikationen der Infektion behandelten ohne etwas gegen den Verursacher der Krankheit unternehmen zu können. Wenn wir bei einem Patienten die Infektion diagnostizierten, konnten wir außer dem Rat zu einem gesunden Leben und verantwortungsbewussten Sexualleben nicht viel bieten. Trotz aller Aufklärungsarbeit war der Umgang mit dieser Erkrankung noch stark von Scham geprägt.“

Bald wurde klar, dass auch Ndolage die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten, also Medikamenten, die den Krankheitserreger im Patienten reduzieren, beginnen musste.

Nach anstrengenden Jahren, geprägt von Verhandlungen mit Geldgebern und wechselnden gesetzlichen Bestimmungen konnten endlich im März 2006 die ersten Patienten behandelt werden: „Es war eine Freude, die Patienten zu sehen, die noch vor einem Jahr dem Tode geweiht gewesen wären und nun wieder an Gewicht und Kraft zunahmen und ihre Familien selbstständig versorgen konnten“, so Beier. Auch heute steht er noch in engen Kontakt mit der tansanischen Krankenschwester, die heute die Klinik mit über 1500 registrierten Patienten leitet.

Als dann 2007 der Umzug nach Deutschland anstand, fiel die Entscheidung für Werther. Gerade 20 Autominuten von Melle entfernt bekam Ehefrau Silke Beier eine Stelle als Pastorin angeboten. Frank Beier bekam sofort eine Stelle in der Abteilung für Viszeralchirurgie im Evangelischen Krankenhaus in Bielefeld.

Langfristig lag Dr. Beier jedoch nicht so sehr die Arbeit in einem großen Krankenhaus der Maximalversorgung und so freute er sich, als er von der freien Stelle in Melle hörte. Er war vom Christlichen Klinikum Melle sofort begeistert: „Ich habe das nie bereut. Es ist schön in einem kleinen Haus mit kurzen Dienstwegen und netten Kollegen zu arbeiten“, betont er. Für ihn ist es ein familiäres Krankenhaus, in dem in einer schönen Umgebung eine gute Medizin gemacht wird. Und da scheinen sich die Hospitäler im Grönegau und am Viktoria-See gar nicht so sehr zu unterscheiden.

 

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