Gewaltopfern sind Hilfsmöglichkeiten oft unbekannt

SVH - St. Vinzenz Haselünne

Experten des St.-Vinzenz-Hospitals Haselünne raten zu frühzeitigen Erstgesprächen

Experten stellen fest, dass Opfer von fortgesetzter sexualisierter und körperlicher Gewalt oft zu spät Hilfe holen: „Wir kennen Patienten, die sich erst Jahrzehnte später gemeldet haben“, so Dr. Carina Michalek, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne der Niels-Stensen-Kliniken. Opfern falle es oft schwer, das Geschehene als falsch und die eigenen aversiven Gefühle diesbezüglich als richtig wahrzunehmen. Hilfe werde daher häufig erst dann gesucht, wenn durch einen Auslöser die Erinnerungen an den Vorfall geweckt würden und sich nicht mehr verdrängen ließen.

„Durch eine zeitnahe Hilfesuche lässt sich eine Chronifizierung also eine längerfristig bestehende Erkrankung oft verhindern“, betont Max Baumgärtel (M. Sc. Psychologe) vom Team der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Seine Kollegin Sonja Klukkert, Ärztin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ruft dazu auf, Hemmungen abzubauen und auch bereits bei kleinen Anzeichen ein Erstgespräch mit den Fachleuten zu suchen, um schweren seelischen Verletzungen rechtzeitig vorzubeugen.

„Da die Gespräche zunächst einen sortierenden Charakter haben, ist jeder, der sich in irgendeinem Bereich seines Lebens erheblich belastet fühlt oder etwas in seinem Leben verändern möchte, eingeladen, einen Gesprächstermin zu vereinbaren“, so Baumgärtel: „Auch zum Beispiel, wenn man bemerkt, dass es zwischenmenschlich immer wieder ähnliche Spannungen gibt oder Konflikte auftreten.“

Es muss sich bei diesen Anzeichen nicht immer gleich um ein sogenanntes Trauma handeln. Für viele ist schon der Begriff „Trauma“ ungewohnt und manchmal mit vielen Fragen verbunden.

„Unter Trauma versteht vermutlich jede Person etwas anderes“, so Baumgärtel. In der Alltagssprache werde das Wort häufig für besonders negative oder schmerzhafte Erfahrungen verwendet. Der Begriff „Trauma“ beschreibe aus medizinischer und psychologischer Sicht zunächst eine Verwundung/Verletzung. So eine Wunde könne unterschiedlichen Ursprungs sein und auch unterschiedliche Heilungsverläufe haben. Oft kämen Situationen vor, die durch eine außergewöhnliche subjektive Belastung und ein Gefühl extremer Hilflosigkeit gekennzeichnet seien. Was für den einen Menschen ein Trauma darstelle, müsse für einen anderen nicht zwangsweise ebenfalls als traumatisierend erlebt werden. Entscheidend sei die subjektiv empfundene Belastung der Erfahrung.

„Traumatisierungen lassen sich formal in verschiedene Kategorien einteilen“, sagt Sonja Klukkert: Es gebe Typ I (einmalig auftretend) und Typ II (wiederkehrend auftretend) sowie die interpersonelle Traumatisierung (durch einen anderen Menschen verursacht) und die nicht interpersonelle (ohne menschliche Beteiligung, zum Beispiel durch eine Naturkatastrophe). Darüber hinaus seien Beziehungs- und Bindungstraumatisierungen bekannt: „Sie entstehen zum Beispiel vor dem Hintergrund emotionaler Vernachlässigung und haben einen zunehmenden Stellenwert in der therapeutischen Arbeit bekommen“, berichtet Sonja Klukkert: „Ein Trauma beschreibt eine subjektiv belastende Situation, die erlebt wurde und nicht ausreichend kompensiert oder verarbeitet werden konnte.“

Traumatische Erfahrungen können Symptome nach sich ziehen, man spricht dann in bestimmten Fällen von sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen, also psychischen Störungen, die einer traumatischen Erfahrung folgen können. Das kann zum Beispiel das Gefühl einer außergewöhnlichen Bedrohung sein. Aber ebenso kann es sich dabei um unkontrollierbar aufdrängende Erinnerungen in Form von Bildern, Geräuschen, Gerüchen oder wiederkehrenden Alpträumen handeln. „Die Betroffenen befinden sich häufig in einer Art Übererregung, da der Organismus in ständiger Alarmbereitschaft ist“, erläutert Baumgärtel. Dies könne sich in übermäßiger Schreckhaftigkeit oder Schlaflosigkeit zeigen. Zudem würden häufig Situationen vermieden, die an das Ereignis erinnerten oder diesem ähnelten.

Sonja Klukkert: „Genauso können traumatische Erfahrungen aber auch Auslöser anderer Symptome sein und im Zusammenhang mit Depressionen oder somatischen Beschwerden stehen. Symptome stellen aus unserer Sicht vor allem Bewältigungsstrategien dar, die manchmal helfen oder geholfen haben, den Alltag zu meistern und/oder einen vorübergehenden Umgang mit Belastungen zu finden, auch vor dem Hintergrund, dass sie selbst auch eine deutliche Belastung darstellen.“

In jedem Fall ist bei Störungen dieser Art kompetente Hilfe notwendig. Dabei können unterschiedliche Wege beschritten werden, die alle mit einem ersten Gespräch in der Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie beginnen. Darin können die Betroffenen über sich, ihre Anliegen sowie ihre Veränderungswünsche berichten.

„Im nächsten Schritt würden wir gemeinsam besprechen, ob ein stationärer Aufenthalt bei uns hilfreich sein könnte oder ob beispielsweise eine ambulante Psychotherapie sinnvoller wäre“, erklärt Max Baumgärtel: „In manchen Fällen stellt sich auch heraus, dass eine Unterstützung von Kollegen aus dem Sozialdienst passender sein könnte. Diese Erstgespräche dienen unter anderem der Orientierung und natürlich muss niemand, der zu uns kommt, schon genau wissen, was ihm oder ihr helfen würde.“ Ob das Ereignis, das zur Belastung geführt hat, die Kriterien für die Traumaambulanz erfüllt, wird an dieser Stelle ebenfalls geklärt.

Und Sonja Klukkert ergänzt: „Wichtig ist, noch zu erwähnen, dass die Entscheidung darüber, welche thematischen Inhalte besprochen werden, bei den Betroffenen liegt. Um ein Bild von dem zu bekommen, was hilfreich sein könnte, bedarf es nicht notwendigerweise einer Beschreibung aller lebensgeschichtlichen Details. Im Fokus stehen zunächst immer die aktuellen Belastungen und Möglichkeiten hilfreicher Unterstützung.“

Die Traumaambulanz bietet zeitnahe psychotherapeutische Unterstützung. Innerhalb von 14 Tagen nach Kontaktaufnahme findet das erste Gespräch statt. Betroffene können mit bis zu 15 Therapiegesprächen zur Akutversorgung rechnen.

Sollte sich im Erstgespräch eine Notwendigkeit ergeben, dass ein stationärer Aufenthalt sinnvoll erscheint, erfolgt die Aufnahme nach Warteliste. In der stationären Behandlung greifen meist verschiedene Therapieelemente ineinander. Es finden Einzel- sowie Gruppentherapien mit anderen Patienten statt, denen es ähnlich geht. Zusätzlich sind kreativtherapeutische Behandlungselemente wichtiger Bestandteil der Behandlung, da diese einen anderen Zugang zu Therapieinhalten außerhalb von Gesprächen ermöglichen. Sportliche und ressourcenorientierte Angebote vervollständigen das Programm.

Die stationäre Behandlung stellt häufig den Beginn eines Weges dar, auf dem es darum geht, einen passenden Umgang mit der eigenen Situation zu entwickeln. Nach einem stationären Aufenthalt wird in vielen Fällen die Aufnahme oder Fortführung einer langfristig angelegten, ambulanten Psychotherapie empfohlen.

Max Baumgärtel: „Im Verlauf des Aufenthaltes fokussieren wir uns, gemeinsam mit den traumatisierten Patienten eher auf eine Stabilisierung und die Vermittlung von praktischen Werkzeugen, die diesen Menschen konkret helfen können, mit Anspannung oder belastenden Emotionen umzugehen. Dazu zählen unter anderem Techniken der Selbstregulation, Entspannung und Imagination. Ein weiterer wichtiger Schritt ist zudem, wieder mehr Kontrolle über die sich aufdrängenden Erinnerungen zu erlangen.“

„Ich vergleiche die Situation gerne mit der Metapher einer Mauer, bei welcher Dahinterliegendes noch unklar zu sein scheint“, sagt Sonja Klukkert: „Die Therapie unterstützt dabei, sich die individuell geeigneten Werkzeuge anzueignen, so dass die Mauer Stück für Stück abgetragen werden kann, bei gleichzeitig ausreichenden Möglichkeiten des Selbstschutzes und der Aufrechterhaltung eines Sicherheitsgefühls.“

Die Ambulanz und die Traumaambulanz in Haselünne sind für alle Betroffenen ab 18 Jahren zugänglich. Kinder und Jugendliche erfahren Hilfe in Traumaambulanzen, die an Kinder- und Jugendpsychiatrien angegliedert sind. Weitere Informationen unter: soziales.niedersachsen.de

Kontakt für Erstgespräche: Montag bis Freitag 8 bis 12.30 Uhr und Montag bis Donnerstag 13 bis 16.15 Uhr. Kontakt: 05961-503 3500, psychosomatik-haseluenne@niels-stensen-kliniken.de

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