Druckdraht-Technik ("pressure wire")
Die koronare Herzerkrankung stellt in der westlichen Welt eine der häufigsten Krankheitsbilder mit fatalem Verlauf dar. Vor ihrer Behandlung kommt dem Nachweis von reversibler Ischämie eine besondere Rolle zu. Engstellen, welche eine Minderdurchblutung des Herzmuskels verursachen, aber unbehandelt bleiben, stellen ein 12fach höheres Risiko für den Patienten dar, in den kommenden 12 Monaten einen Infarkt zu erleiden oder daran zu versterben. Es ist somit von hohem Interesse, eine blutflusslimitierende Stenose (= Engstelle) zu behandeln. Die Behandlung von Stenosen durch eine Stentimplantation, welche keine Ischämie verursachen, bringen für den Patienten keinen Vorteil. Es kann sogar zu einer höheren Ereignisrate im Verlauf führen, als bei einer nicht invasiv behandelten Stenose. Die rein pharmakologische Behandlungsstrategie der Koronarsklerose scheint hier von Vorteil zu sein.
Zur Beurteilung einer möglichen Blutflusslimitation kann die Bestimmung der fraktionellen Flussreserve - FFRmyo beitragen.
Die FFRmyo ist ein Index, welcher den Blutfluss in den grossen Herzkranzgefäße beschreibt. Die Druckverhältnisse in einem Koronargefäß, sind in jeden Segment dieses Gefäßes identisch - ausgehend von einem Idealzustand ohne Engstellen. Ein gemessener Druck am Anfang des Gefäßes (Pa) entspricht dann auch immer dem Druck im distalem Gefäßsegment (Pd), unabhängig von der Länge oder dem Querschnitt der Koronararterie. Dies gilt sowohl unter Ruhefluss als auch unter maximaler Blutflussbeschleunigung. Die Bestimmung der FFRmyo wird grundsätzlich nur unter maximal hyperämischen Bedingungen (also unter maximalem Blutfluss) vorgenommen, da nur unter maximaler Durchblutung des Herzmuskels eine lineare Beziehung zwischen Druck und Fluss besteht. Bildet man aus den gemessenen Werten Pd und Pa den Quotienten, so entspricht die FFRmyo in einem gesundem Gefäß immer dem maximalen Wert 1 (Pd / Pa = 1). In Anwesenheit einer Stenose sinkt der Druck jenseits (= distal) der Stenose, unter maximaler Hyperämie, ab. Somit ist Pd / Pa < 1. Bei einer FFRmyo größer 0,80 liegt keine durch Engstellen der grossen Kranzgefässe bedingte Myokardischämie vor. In diesem Fall ist eine invasive Behandlung des Gefäßes (z.B. durch eine Stent-Implantation) wahrscheinlich nicht von Nutzen für den Patienten, möglicherweise sogar von Nachteil. Ein Wert unter 0,75 bedeutet: in diesem Gefäß liegt eine Minderung des Flusses gegenüber dem maximal möglichen Fluss um >25% vor. Ein Wert von unter 0,75 weist eindeutig auf das Vorhandensein myokardialer Ischämie hin, welche durch eine Stenose oder durch eine generalisierte Arteriosklerose verursacht wird. Hier kann der Patient von einer invasiven Therapie (Stentimplantation; Bypass-OP; etc.) profitieren. Die Sensitivität der FFRmyo liegt bei 88%, die Spezifität bei 100%. Die FFRmyo gehört somit zu den genauesten Verfahren zur Beurteilung des Zustandes der Herzkranzgefässe.
Die FFRmyo gehört noch nicht zum Standard bei der Herzkatheteruntersuchung in Deutschland. Nur in etwa jede 180. Herzkatheter-Untersuchung wird durch die FFRmyo unterstützt. Mehrheitlich wird heute die Entscheidung, ob es zu einer Intervention an den Herzkranzgefäßen kommt, auf Grundlage der Kontrastmitteldarstellung getroffen. Der konsequente Einsatz der FFRmyo führt zu einer Verschiebung einer solchen Behandlungsstrategie. Eine Beurteilung der Pathophysiologie alleine durch den Einsatz bildgebender Verfahren ist nicht zweifelsfrei möglich, was zahlreiche Studien zeigen. Dies führt einerseits zur Überbehandlung von Stenosen mit Stents (da sie angiographisch als bedeutsam eingeschätzt werden), andererseits wird Patienten eine nützliche, invasive Behandlung vorenthalten, da deren Stenosen angiographisch nicht hochgradig erscheinen. Eine Unterbehandlung von Ischämie verursachenden Stenosen geht mit einer erhöhten MACE-Rate (Major Adverse Cardiac Event) einher. Für eine nachhaltige Behandlungsstrategie, ist also der Nachweis von großem Vorteil, ob die Stenose tatsächlich auch eine Minderdurchblutung des Herzmuskels verursacht.
Technisch erfolgt die Messung der FFR durch Platzierung eines extrem dünnen Drahtes (vergleichbar den Drähten, die im Rahmen der Ballondilatation und Stentplatzierung zum Einsatz kommen) in den betroffenen Gefässen. In diesen speziellen Draht ist ein mikroskopisch kleiner Druckabnehmer eingearbeitet, der Druckschwankungen im Gefäss messen kann. Nach Platzierung des Drahtes (und des Druckabnehmers) jenseits der Engstelle wird zunächst der Wert der FFR in Ruhe aufgezeichnet. Dann wird durch Gabe eines speziellen Medikamentes (Adenosin) eine maximale Durchblutungssteiguerung im Kranzgefässsystem erzeugt und im Anschluss die FFR unter sogenannter "maximaler Hyperämie" bestimmt (siehe oben). In Abhängigkeit von diesem Ergebnissen kann dann die Bedeutung einer Engstelle sehr genau bewertet werden und ggf. in gleicher Sitzung eine Behandlung mittels Ballondilatation und/oder Einsetzen einer Gefässstütze (Stent) erfolgen.









